Krankenhausseelsorge und Demenz

Die Situation

Schätzungen zufolge sind gegenwärtig ca. 10-15 % aller Patienten im Allgemeinkrankenhaus demenziell erkrankt. Ihr Anteil wird vermutlich noch zunehmen: zum einen weil unsere Gesellschaft immer älter wird und demenzielle Erkrankungen typischerweise im Alter auftreten; zum anderen weil demenziell veränderte Menschen ein erhöhtes Unfall- und Erkrankungsrisiko haben.

Ein Krankenhausaufenthalt stellt für Menschen mit Demenz eine enorme Belastung dar.

Infolge der bei demenziellen Erkrankungen auftretenden Störungen von Sprache, Urteils- und Orientierungsvermögen fällt es ihnen schwer,

  • sich in der fremden Umgebung zurechtzufinden,
  • den Sinn medizinischer oder pflegerischer Maßnahmen zu verstehen
  • und ihre Bedürfnisse angemessen kundzutun.

Hinzu kommt, dass viele Akutkrankenhäuser noch nicht ausreichend auf die Versorgung von demenziell veränderten Patienten eingerichtet sind.

All dies führt oft zu schwierigen Situationen mit weitreichenden Folgen: für die Betroffenen selbst und ihre Angehörigen, für die Mitpatienten sowie für das Klinikpersonal.
(Vgl. Michael Isfort, Jutta Klostermann, Danny Gehlen, Bianca Siegling, Pflege-Thermometer 2014. Eine bundesweite Befragung von leitenden Pflegekräften zur Pflege und Patientenversorgung von Menschen mit Demenz im Krankenhaus. Hrsg. von Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. (dip), Köln 2014. Mögliche Folgen unzureichender Berücksichtigung von Demenz sind z.B.: Angst und Unruhe; erhöhte Komplikationsrate gegenüber gleichaltrigen Patienten ohne Demenz; Verschlechterung des kognitiven Status sowie weiterer Verlust der Selbstständigkeit; Störung von Mitpatienten; emotionaler Druck bei Pflegenden; Beeinträchtigung der klinischen Abläufe.)

Kompetenzen und Kompetenzerweiterung

Die Krankenhausseelsorge will sich dieser Herausforderung im Rahmen ihrer Möglichkeiten stellen. Sie verfügt über Standards und Ressourcen, die speziell auch für die Begleitung von demenziell veränderten Patientinnen und Patienten wichtig und hilfreich sind:

  • Echtheit, Einfühlung und Akzeptanz als Grundhaltungen;
  • Zeit;
  • Gespür und Achtsamkeit für nonverbale Kommunikation;
  • Riten-Kompetenz;
  • Kontakte zu Gemeinden und Altenheimen.

Hinzu kommen Schritte der Kompetenzerweiterung, z.B.:

  • Verstehen der verursachenden Krankheiten und ihrer Auswirkungen;
  • Wahrnehmen des Erlebens von Menschen mit Demenz und ihrer Angehörigen;
  • Verstehen systemischer Zusammenhänge (Familie und Institution);
  • Kennenlernen von Modellen für die Kommunikation mit Menschen mit Demenz;
  • Wahrnehmen der eigenen Grenzen in der Begegnung mit Menschen mit Demenz.

Zudem kann ein Coaching im Umgang mit demenziell veränderten Personen für Personal und Angehörige angeboten werden.

Grundannahmen

(Vgl. Christian Müller-Hergl, Menschen mit Demenz: Spirituelle Bedürfnisse, in DeSSorientiert 2 / 2007 (hrsg. von Demenz Support Stuttgart / Zentrum für Informationstransfer), 23 – 27.)

In alledem geht Seelsorge davon aus,

  • dass Menschen mit Demenz in allen Krankheitsstadien spirituell fähige Menschen bleiben, auch wenn es nicht immer gelingt, einen Zugang zu ihrer Welt zu finden;
  • dass Spiritualität eine wichtige Ressource zur Bewältigung von Demenz ist, indem sie z.B. Menschen mit und ohne Demenz verbindet.

Ziele

  • Die Krankenhausseelsorge unterstützt mit ihren spirituellen / religiösen Angeboten die Person in ihren Beziehungen zur Transzendenz bzw. zu Gott, zu ihren Mitmenschen sowie zu sich selbst.
  • Die Angebote geben der Person Gelegenheit zum spirituellen und emotionalen Selbstausdruck.
  • Sie fördern das Vertrauen in den Sinn des Lebens.
  • Sie sind dem Alter und der konkreten Situation der Person angemessen.
  • Die Krankenhausseelsorge nimmt alle wahr, die durch Demenz betroffen werden: nicht nur den demenziell veränderten Patienten und seine Angehörigen, sondern auch die Mitpatienten und das Klinikpersonal.
  • Sie fokussiert neben den individuellen und zwischenmenschlichen Bereichen auch die institutionellen und politischen Rahmenbedingungen.
  • Sie bildet sich regelmäßig zum Thema Demenz fort.
  • Sie leistet einen Beitrag für das „demenzsensible Krankenhaus“.
    (Vgl. außer Isfort et al. (2014) in Fußnote 1: Deutsche Alzheimer Gesellschaft (Hrsg.), Menschen mit Demenz im Krankenhaus. Auf dem Weg zum demenzsensiblen Krankenhaus, Berlin 2013.)

Für Fragen / Informationen / Anliegen steht gerne zur Verfügung:

Pfarrer Dr. Ulrich Babinsky, Referent für Demenz aus Sicht der klinischen Versorgung im Fachbereich Krankenhausseelsorge des Erzbischöflichen Ordinariats München: